Dieser Mann revolutioniert die Angst-Therapie

Dieser Mann revolutioniert die Angst-Therapie

Als der Berliner Angst-Therapeut Klaus Bernhardt vor zwei Jahren mit dem Buch „Panikattacken und andere Angststörungen loswerden“ eine völlig neue Form der Angsttherapie vorstellte, wurde er von vielen Kollegen nur belächelt. Doch das Werk mauserte sich schnell zum Geheimtipp unter Betroffenen und stürmte keine sechs Wochen später die Bestseller-Listen. Mittlerweile steht es seit Monaten auf der Spiegel-Bestsellerliste, wurde in 17 weitere Sprachen übersetzt und sorgt auch international für Aufsehen.

Redakteurin Sonja Müller sprach für Gesundheitsweb.de mit Klaus Bernhardt über diese unglaubliche Erfolgsgeschichte und auch darüber, was Angstpatienten alles tun können, um schnell wieder ein angstfreies Leben zu führen.

 

Gesundheitsweb: Herr Bernhardt, Sie haben ja quasi im Alleingang die Angsttherapie revolutioniert. Gab es da nicht auch großen Widerstand von anderen Therapeuten und Psychiatern?

Klaus Bernhardt: Revolution ist vielleicht etwas dick aufgetragen und alleine war ich auch nicht, denn meine Frau Daniela hat mich während der ganzen Zeit tatkräftig unterstützt. Aber ja, anfangs wurde ich schon recht misstrauisch beäugt. Einige warfen mir auch vor, ich sei ja „nur“ Heilpraktiker für Psychotherapie und hätte somit gar nicht den nötigen akademischen Hintergrund, um eine neue Form der Angst-Therapie zu entwickeln. Doch glücklicherweise meldeten sich immer mehr Leser meines Buches zu Wort, die dank unserer Methode innerhalb weniger Wochen wieder ein angstfreies Leben führen konnten. Auch die Tatsache, dass viele davon zuvor schon jahrelange Therapien und Dutzende von Medikamenten erfolglos ausprobiert hatten, ließ viele meiner Kritiker schnell wieder verstummen.

 

Was ist das Erfolgsgeheimnis der Bernhardt-Methode und was ist der Unterschied zu herkömmlichen Therapien bei Angst- und Panikstörungen?

Zuerst möchte ich klarstellen, dass es nicht darum geht, andere Therapien schlechtzumachen. Sowohl in der kognitiven Verhaltenstherapie, der Akzeptanz-Commitment-Therapie, der Hypnotherapie als auch der lösungsfokussierten Kurzzeittherapie gibt es viele wertvolle Techniken und Erkenntnisse, die wir in unserer Praxis ebenfalls gerne nutzen. Der wirklich große Unterschied zu unserer Methode besteht darin, dass wir zusätzlich auf die neusten Erkenntnisse der Hirnforschung zurückgreifen. Dort weiß man mittlerweile recht genau, wie sich eine Angststörung strukturell im Gehirn festschreibt und auch, was getan werden kann, um diese schnell wieder rückgängig zu machen.

 

Und warum sind dann nicht schon andere Therapeuten auf die Idee gekommen, diese Erkenntnisse ebenfalls für ihre Praxis zu nutzen?

Ganz einfach, weil dieses Wissen noch nicht zum Lehrstoff angehender Therapeuten und Psychiater gehört. Ich habe es meinem früheren Beruf als Medizin- und Wissenschaftsjournalist zu verdanken, dass ich sehr frühzeitig auf diese Erkenntnisse gestoßen bin und diese als einer der ersten in meiner Praxis für Psychotherapie nutzen konnte. Bis eine bahnbrechende Entdeckung den Weg in die Lehrbücher der Unis schafft, vergehen in aller Regel zwischen 15 und 20 Jahre. Zukünftige Kolleginnen und Kollegen, die nach diesem neuen Kenntnisstand ausgebildet werden, fangen dann ja gerade erst an zu studieren. Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass neue Methoden erst 25 bis 30 Jahre nach ihrer Enddeckung flächendeckend zum Einsatz kommen.

 

Sie sprechen sich in Ihrem Buch auch entschieden gegen Medikamente bei Angststörungen aus. Wie begründen Sie diese extreme Haltung?

Das ist so nicht ganz richtig. Wenn jemand zusätzlich zu seiner Angststörung auch noch unter einer schweren Depression leidet, kann der zeitlich begrenzte Einsatz eines Antidepressivums über wenige Monate hinweg dafür sorgen, dass wieder die nötige Motivation aufkommt, um anschließend mit den geeigneten Mental-Techniken auch die Ängste Schritt für Schritt zu überwinden.

Wenn jedoch keine Depression vorliegt oder diese nur leicht bis mittelschwer ist, gibt es kaum einen nachgewiesenen Nutzen so einer Medikation, sehr wohl aber viele unschöne Nebenwirkungen, die die Betroffenen zusätzlich belasten.

Noch problematischer ist die Lage bei starken Beruhigungsmitteln, sogenannten Benzodiazepinen. Diese helfen zwar recht gut gegen innere Unruhe und Angst, machen aber bereits nach 14 Tagen körperlich abhängig. Betroffene, die diese Medikamente dann wieder absetzen wollen, haben zum Teil mit schwersten Entzugserscheinungen zu kämpfen.

 

Müssen Menschen, die nach Ihrem Buch arbeiten, überhaupt noch zur Therapie?

Es wäre vermessen und unseriös zu behaupten, ein Buch könne die Sitzungen bei einem guten Therapeuten ersetzen. Aber tatsächlich bekommen wir jeden Tag Dutzende von Mails, in denen uns Leser schreiben, dass sie es nur mit den Übungen aus meinem Buch und natürlich mit etwas Geduld und Ausdauer geschafft haben, ihre Ängste zu überwinden.

Diese vielen Zuschriften brachten uns zudem auf die Idee, begleitend zum Buch noch einen Videokurs zu entwickeln. Darin konnten wir die häufigen Rückfragen zu den einzelnen Techniken und Übungen beantworten, sowie viele weitere hilfreiche Tipps und Tricks zusammenstellen, die ebenfalls ganz hervorragend im Kampf gegen die Angst helfen.

Seitdem es diesen Videokurs gibt, ist die Quote derer, die ohne fremde Hilfe ihre Ängste besiegen konnten, noch mal deutlich angestiegen. Zudem haben viele, die schon länger unter einer Angststörung leiden, auch mit finanziellen Problemen zu kämpfen, da sie häufig keiner geregelten Arbeit mehr nachgehen können. Auch hier ist der Videokurs eine gute Möglichkeit, kostengünstig und ohne längere Anreise zusätzliche Hilfe zu bekommen.

 

Auf Ihrer Webseite habe ich gesehen, dass Sie auch ganz viele Informationen kostenlos zur Verfügung stellen. Ich denke da zum Beispiel an Ihren Blog, Ihren Newsletter, Ihre kostenlose Podcast-Reihe (zu finden unter https://www.panikattacken-loswerden.de/kostenloser-podcast) oder auch Ihren YouTube Channel. Warum machen Sie das? Ihre Praxis müsste doch schon jetzt aus allen Nähten platzen.

Da haben Sie recht. Meine Methode hatte sich über Mund-zu-Mund-Propaganda ziemlich schnell herumgesprochen, sodass meine Frau und ich sowie zwei weitere tolle Kollegen, die bei uns in der Praxis mitarbeiten, förmlich überrannt wurden. Deshalb entschied ich mich dazu, unsere Erkenntnisse so schnell wie möglich auch für die Allgemeinheit zugänglich zu machen. Stellen Sie sich vor, alleine im deutschsprachigen Raum leiden derzeit über 14 Mio. Menschen an einer Angststörung. Hinzu kommt, dass Betroffene oft sechs Monate oder länger auf einen Therapieplatz warten müssen. Es ist jedoch wichtig, dass Angstpatienten so schnell wie möglich erfahren, was hinter ihren Ängsten steckt und wie eine geeignete Therapie aussehen könnte. Nur so können sie verhindern, dass aus vereinzelt auftretenden Ängsten eine generalisierte Angststörung wird.

Hier kam mir natürlich zugute, dass ich nicht nur Therapeut bin, sondern auch einen langjährigen journalistischen Hintergrund habe. Deshalb veröffentlichte ich, schon lange bevor mein Buch fertig war, eine Podcast-Reihe mit 34 Audiobeiträgen, in denen ich ausführlich erkläre, was Angstpatienten tun können, damit es ihnen schnell besser geht. Dieses absolut kostenlose Angebot wird mittlerweile in über 80 Ländern genutzt und dient Betroffenen zudem als Orientierungshilfe, welche Form der Therapie für sie die richtige sein könnte und wovon sie besser die Finger lassen sollten.

 

Ich habe mir einige Folgen angehört und war erstaunt, wie leicht verständlich und mit wie viel Humor Sie an das Thema Angst und Panik herangehen.

Menschen, die unter einer Angststörung oder gar unter Panikattacken leiden, haben es schon schwer genug in unserer Gesellschaft. Sie wollen nicht noch mehr Arzt-Chinesisch hören oder den erhobenen Zeigefinger sehen. Sie wollen verstehen, was wirklich hinter ihren Ängsten steckt und was sie selbst konkret machen können, damit es ihnen wieder besser geht. Und eine Prise Humor kann dabei sicher auch nicht schaden.
 
Ich danke Ihnen für das Gespräch.
 
 
Bild:  © Katja Kuhl