Drug Checking: Straffrei testen lassen, dann abheben

Innsbruck – Manuel Hochenegger sitzt in einem Besprechungsraum nur wenige Meter von der Innsbrucker Partymeile entfernt. Beste Lage für Feierwütige, die das Leben in vollen Zügen genießen wollen.

Hochenegger kennt sich mit dem Rausch in seinen vielen Facetten gut aus: Der 33-Jährige ist Drogenberater in Innsbruck und bei der
Drogenarbeit Z6 zuständig für das sogenannte Drug Checking. Bei ihm können die Konsumenten ihre Rauschmittel kostenlos auf ihre Inhaltsstoffe prüfen lassen. Ein Konzept, das womöglich bald auch in Deutschland Verbreitung finden könnte. Die
Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig, jedenfalls könnte sich solche Tests auch in der Bundesrepublik inzwischen gut vorstellen. Doch wird damit nicht sogar zum Konsum von vermeintlich «sauberen» Drogen angeregt?

Die Drogen-Checker im österreichischen Innsbruck bieten ihre stationäre Sprechstunde immer montags an, zwei Berater stehen dann für ausführliche Gespräche zur Verfügung. Der Blick auf die individuelle Situation gehört zum Test immer dazu – und kann beim Erstbesuch auch mal länger dauern. «Beim Gespräch geht es um die Substanzen, um Hobbys, Interessen, die aktuelle Lebenssituation. Wir wollen wissen, welchen Stellenwert der Konsum einnimmt», erklärt Hochenegger. Die Berater nähmen dabei eine akzeptierende Haltung ein. «Wir erkennen an, dass der Konsum positive Wirkungen für die Menschen haben kann.»

Die Probe wird später in die Innsbrucker Gerichtsmedizin gebracht, wenige Tage danach kann das Ergebnis der Analyse besprochen werden. «Dass wir nach dem Test vom Konsum abraten, kommt nicht selten vor», sagt Hochenegger. Letztlich entscheidet aber der Konsument, was er mit den Substanzen und dem Testergebnis macht.

Vor einigen Wochen hat sich auch die Drogenbeauftragte Ludwig von den Innsbruckern über Drug Checking berichten lassen. Ihr Fazit war damals sehr positiv, seitdem bewirbt sie das Konzept. «Damit können Konsumenten erreicht werden, die von der klassischen Suchtberatung nicht angesprochen werden», sagte die CSU-Politikerin Anfang des Jahres der «Rheinischen Post». Sie sei zu dem Thema bereits mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in Kontakt – und das, obwohl die Union dem Thema eigentlich immer sehr kritisch gegenüberstand. In zahlreichen Nachbarländern wie Frankreich, der Schweiz und den Niederlanden sind die Drogentests bereits etabliert.

In Berlin, als eine der Party- und Drogen-Hauptstädte Europas bekannt, steht das Drug Checking in den Startlöchern. SPD, Linke und Grüne haben die Einführung der Tests in ihrem Koalitionsvertrag verankert, das Konzept ist bereits erarbeitet. Für die Jahre 2020 und 2021 wurden jeweils 200 000 Euro im Haushalt vorgesehen, rechtlichen Unklarheiten wurde mit einem Gutachten aus Köln begegnet. Nur der Startzeitpunkt wird weiterhin nicht bekannt gegeben. CDU und FDP kritisierten das Konzept in Berlin stets und sahen das investierte Geld besser bei der Polizei oder in der Präventionsarbeit aufgehoben.

Konzeptionell wird das Drug Checking in Berlin dem in Innsbruck wohl sehr ähneln. «An bis zu drei Standorten der Drogenberatung soll das Drug Checking angeboten werden. Beim ersten Gespräch mit einem Mitarbeiter der Einrichtung wird die Probe genommen und ein Beratungsgespräch angeboten», teilte die Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung der dpa mit. Das Ergebnis soll dann online, telefonisch oder in einem weiteren persönlichen Gespräch abgefragt werden können.

«Die Mitarbeitenden beraten zieloffen und motivierend», erklärte die Senatsverwaltung. Zu den Hauptzielen gehöre neben der Information für die Konsumenten auch neue, wissenschaftlich basierte Erkenntnisse über das Konsumverhalten und den Drogenmarkt in Berlin.

Doch ist Drug Checking wirklich sinnvoll? Wiegt es Konsumenten nicht letztlich in falscher Sicherheit? «Es gibt keinen sicheren Konsum – auch wenn man weiß, was in den Substanzen enthalten ist», sagt
Felix Betzler, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité in Berlin. Und dennoch sei Drug Checking aus medizinischer Sicht zu befürworten. Das entscheidende Stichwort: harm reduction – also Schadensminderung. «Wir wissen ja, dass der Konsum stattfindet. Dann ist es entsprechend sinnvoll, wenn er mit größtmöglichen Informationen aufseiten des Konsumenten stattfindet.» 2018 starben in Deutschland fast 1300 Menschen durch Drogenkonsum.

Betzler hat in den vergangenen Jahren mehrfach zu Partydrogen geforscht, zuletzt auch zu der Frage, ob die Berliner das Angebot zum Drogencheck überhaupt annehmen würden. Die noch nicht veröffentlichten Studienergebnisse seien eindeutig, erzählt er. «Mehr als 90 Prozent der rund 700 Befragten würden Drug Checking in Anspruch nehmen. Und eine große Mehrheit würde die Dosis reduzieren, wenn die Probe einen hohen Wirkstoffgehalt aufweist, beziehungsweise sogar auf den Konsum verzichten, wenn das Testergebnis auf Verunreinigungen hinweist.»

Auch in Innsbruck ist das Interesse am Drug Checking groß. Nach dem Start im März 2014 dauerte es gut ein Jahr, bis die Testphase mit 100 Proben abgeschlossen war. 2019 wurden nun schon etwas mehr als 500 Proben von 150 bis 160 Konsumenten analysiert. Die Drogenberater wissen dadurch zudem sehr gut, welche Substanzen derzeit auf dem Markt sind – und das Drogen zuletzt immer weniger gestreckt wurden. Ein Befund, den Charité-Experte Betzler bestätigen kann: «Früher war eine Ecstasy-Tablette eine Konsumeinheit. Inzwischen führt eine ganze Tablette bei unerfahrenen Nutzern aber mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Überdosierung.»

Finanziert werden die Innsbrucker Tests vom Land Tirol, im vergangenen Jahr wurden 35.000 Euro dafür ausgegeben. «Am Anfang gehörte es zu unseren Hauptaufgaben, auf Partys über die Checks aufzuklären und Vertrauen zu gewinnen», berichtet Hochenegger. Klar habe es auch Gerüchte von Kameras in Blumentöpfen und Kooperationen mit der Polizei gegeben. Der Wahrheit entspreche das aber nicht. «Es gibt gute Abmachungen mit der Polizei – zum Beispiel, dass sie eben nicht zu unseren Öffnungszeiten hier vor der Tür stehen.»

Fotocredits: Sven Hoppe
(dpa)

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