Unsicherheit als Gemeinschaftsgefühl der Corona-Krise

Berlin – Seit dem Zweiten Weltkrieg habe es keine Herausforderung an Deutschland mehr gegeben, bei der es so sehr aufs gemeinsame solidarische Handeln ankomme, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer ihrer Reden zur Corona-Krise.

Unsicherheit scheint zurzeit das beherrschende Gefühl zu sein. Wie kommen wir damit klar?

«Die Corona-Krise verändert das gesellschaftliche Gefüge erheblich», sagt der Hirnforscher und Autor Achim Peters («Unsicherheit – Das Gefühl unserer Zeit»). «Bisher litten vor allem die Armen unter Unsicherheit, heute sind fast alle Menschen davon betroffen. Es ist jedoch zu befürchten, dass das Coronavirus besonders den Wirtschafts- und Bildungsstatus der Schwächeren trifft und damit die Kluft zwischen Arm und Reich noch weiter vergrößert.»

Stress trete immer dann auf, wenn Menschen in einer bedrohlichen Situation die Frage des Lebens nicht sicher beantworten könnten, erläutert Peters: «Welche meiner Strategiemöglichkeiten soll ich wählen, um mein zukünftiges körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden sicherzustellen? In der gegenwärtigen Corona-Krise sind fast alle Menschen unsicher, wie sie diese Frage beantworten sollen.»

Sogenannter toxischer Stress entstehe dann, wenn sich die Unsicherheit im Laufe der Zeit nicht auflösen lasse: zum Beispiel bei Einsamkeit, Trennung oder Geldsorgen. «Viele arbeiten heute in prekären Arbeitssituationen, mit befristeten Verträgen, in Firmen und Branchen, die in der Krise stecken. Bleibt die Corona-Krise unbewältigt und dauert länger als ein Jahr, werden viele Menschen toxischen Stress erfahren», sagt Peters.

«Durch chronische Überlastung des Gehirnstoffwechsels kommt es dann zu einer Energieumverteilung im menschlichen Organismus: Das Gehirn bekommt am meisten, die Körpermasse nimmt ab, das innere Bauchfett nimmt zu und es steigt das Risiko von Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Depression, Alzheimer und Diabetes

Trotz allem vermittelt die Psychologin und Therapeutin Stefanie Stahl auch Hoffnung: Es gebe viele Studien darüber, dass kollektive Schicksale besser zu ertragen seien als das Einzelschicksal, sagt die Bestsellerautorin («Das Kind in dir muss Heimat finden»). «Wenn mich die Unsicherheit nur als Einzelperson betrifft und rundherum das Leben weitergeht, ist es schwieriger zu ertragen als wenn die gesamte Gemeinschaft betroffen ist», sagt die Lebenshilfe-Expertin. «Wenn sich alle fragen, wie es weitergeht – zum Beispiel finanziell – dann hält dieser Gedanke für den einzelnen einen kleinen Trost bereit.»

So lange es keine konkreten Exit-Pläne aus der aktuellen Situation gebe, sei das alles sehr belastend, sagt Stahl. «Eine gute Kopfhygiene ist dann hilfreich, indem ich also belastende Gedanken schnell loswerde. Dann richte ich den Fokus bewusst auf andere Themen und vor allem aufs Hier und Jetzt.» Sonst verliere man sich schnell in irgendwelchen Szenarien. «Und Angst-Szenarien haben gemeinsam, irgendwo in der Zukunft zu spielen und nicht im Hier und Jetzt.»

Wer ganz konkrete Sorgen habe – um den eigenen Betrieb zum Beispiel – sollte versuchen, Katastrophendenken zu stoppen, und es probieren, sofort in Lösungen zu denken, das aber auch nicht von morgens bis abends, sondern sich dabei auch mal Auszeiten nehmen.

Eine große Hilfe könne es außerdem sein, wie beim Einkaufen zu handeln: «Wenn Sie einkaufen gehen und Sie müssen 30 Artikel kaufen und Sie haben keine Einkaufsliste, dann ist Ihr Gehirn ständig damit beschäftigt, an diese 30 Sachen zu denken, um bloß nichts zu vergessen und die Kontrolle zu behalten. Aber wenn Sie eine Liste haben, dann kann sich Ihr Gehirn anderen Dingen zuwenden, weil es weiß: steht ja alles aufm Zettel. Das ist also eine Entlastung.»

Diesen Trick könne man auch auf Ängste anwenden. «Ich beschäftige mich am Tag, sagen wir, 10 bis 20 Minuten intensiv damit, schreibe das alles auch auf und widme mich dann nur noch dem, was ansteht. Und wenn dann wieder blöde Gedanken kommen, dann sage ich meinem Gehirn: Das haben wir alles notiert, uns geht nichts verloren.»

Fotocredits: Patrick Pleul
(dpa)

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